7.9.16 – Beim Chörten links halten

Am Morgen zum Wanderweg zurückzufinden, ist jeweils eine echte Herausforderung. Alles, was man weiss, ist die ungefähre Richtung. Der Wirt vom Guesthouse erklärt mir zwar des langen und breiten den richtigen Pfad, also irgendwie quer über das Feld, dann bei der Kuh links und nach der Brücke rechts, wo es dann ein weiteres Mal zuerst in eine Schlucht hinunter gehen soll.

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Nach einigen ergebnislosen Versuchen und unterdrücktem Fluchen scheint Winnetou doch noch auf dem richtigen Weg zu sein. Es geht anfänglich steil bergab – die mitgebrachten Stöcke sind ein Segen – um dann einen munter sprudelnden, von Bäumen und Sträuchern gesäumten Fluss zu erreichen. Eine wunderbare Abwechslung nach all den öden Felsen. Es passt zu meiner Stimmung, der Schlaf war lang und tief, und ich fühle mich, als könnte auch der Everest keine echte Herausforderung sein.

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Der Wirt hat mir auch erklärt, dass ich mich weiter oben bei einem Chörten links halten soll, was ich aber irgendwie vergessen habe, und so führt mich der Weg zwischen krumm gewachsenen Wachholderbäumen durch zu einem Restaurant, wo ich mir erst mal einen Kaffee genehmige und mit der Wirtin herumschäkere. Diese ladakhischen Damen haben es in sich: hier gilt noch wie im Tibet die Vielmännerei, also mit ein bisschen Glück und Charme könnte ich mich vielleicht in den Reigen der zahlreichen Ehemänner eingliedern. Naja, vielleicht im nächsten Leben …

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Weiter oben – nachdem ich die Chörten-Kreuzung doch noch gefunden habe – geht’s wieder steil nach oben (what comes up, must come down oder umgekehrt). Ich höre Stimmen und treffe auf zwei junge Israelis, die Mühe haben, den Weg zu finden. Ein paar Minuten später stösst auch Yoko zu uns, und gemeinsam machen wir uns daran, das Problem zu lösen. Die beiden Jungen hetzen anschliessend wie vom Teufel gehetzt den Berg hinauf, während Yoko zurückbleibt (I have my own pace). Ich habe auch mein eigenes Tempo, heute wirklich ganz ganz langsam. Der gestrige Durchschnittspuls von 132 Schlägen pro Minute war eindeutig zu hoch, also muss ich mich heute am Riemen reissen. Meine Polar-Pulsuhr ist ein echter Glücksfall: sie zeigt mir nicht nur den Puls an, sondern speichert via GPS-Signal den ganzen Weg (sodass ich ihn später auf dem PC ansehen kann), berechnet Auf- und Abstieg, den höchsten Punkt, die HF-Zonen, den Kalorienverbrauch.

Irgendwo auf dem Weg soll’s einen Tea-Stall geben, allerdings ist heute Wirtesonntag, also niemand da. Ein ladakhischer Fahrer wartet auf seine indische Kundschaft; er hat den Lunch zu diesem Treffpunkt hochgefahren, damit ja niemand zuviel tragen muss (dass überhaupt ein Inder einen einzigen Schritt zuviel macht, wundert mich doch etwas; im Allgemeinen sind eher motorisiert unterwegs). Er teilt mit mir seinen Apfel, während ich mich darüber wundere, dass es in dieser menschenleeren Einöde tatsächlich eine Abfall-Trennanlage gibt (Paper – Plastic – Metal; please use me!).

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Der heutige La ist ziemlich hoch (da ich das Ladekabel meines iPhones in Leh vergessen habe und der Akku längst den Geist aufgegeben hat, nützt mir die beste Altimeter-App nichts). Die beiden Israelis sind am Picknicken, der eine – Ro oder Or, ich kann mich nicht erinnern – ist bereits daran, Tee zu kochen. Na dann, Shalom! Der andere, Arthur, offenbar mit dem ADHS-Syndrom geschlagen, kann keine Sekunde ruhig sitzen, rennt den Hügel hinauf und hinunter, will unbedingt ein Selfie mit mir zusammen machen (ich werde es später hochladen; der Leser kann selbst entscheiden, wer von uns beiden das dümmere Gesicht macht), und verabschiedet sich schon bald. Ro/Or bleibt zurück, hat Schmerzen und Verdaungsprobleme, spricht kaum englisch, also nicht unbedingt der perfekte Begleiter, aber was soll’s, dann komm halt mit!

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Es geht nun ziemlich gemütlich das Tal hinunter dem nächsten Dorf, Hemis Schukpachen, zu, doch Ro/Or gerät nun in echte Troubles, denn das, was ihm in seinem Verdauungstrakt Probleme bereitet, will unbedingt raus. Ich rate ihm, einen grossen Felsen zu suchen, hinter dem er sich zwecks Darmentleerung zurückziehen kann. Eine gute Idee, findet er und sucht sich einen entsprechenden Felsen. Es gibt eine ganze Menge davon, gross und breit genug, doch der von ihm ausgesuchte Stein ist gerade mal etwa 30 Zentimeter hoch. Really? Here? Ro/Or hat offenbar eine eigene Vorstellung von Diskretion, auf jeden Fall verziehe ich mich ziemlich schnellen Schrittes ins Dorf hinunter …

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… wo ich bereits von einer Ladakhin erwartet werde. Sie schwärmt in den höchsten Tönen von ihrem sozusagen neuen Guesthouse, von Hot Shower (in den letzten beiden Homestays hatte es nur eiskaltes Gletscherwasser!) und dergleichen. Done! Und sie hat nicht zuviel versprochen. die Zimmer sind gross, die Badezimmer neu und sauber, das Wohn- und Esszimmer einladend.

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Und wie immer, nach einer gewissen Zeit trifft man auf alte Bekannte, diesmal die grosse Gruppe Israelis, eine lärmige lustige Truppe (der Wirt erklärt allerdings später, dass sie die halbe Nacht durchgefeiert, gesungen, getanzt, gesoffen und geraucht haben, was nicht dem allgemein üblichen Verhalten in Ladakh entspricht). Anyway, die Girls sind hübsch, und ich bin etwas enttäuscht, als sie eine halbe Stunde später vom Bus abgeholt werden (zusammen mit Ro/Or übrigens, der sich zwecks Besserung seiner Beschwerden zu einem Rückzug entschlossen hat).

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Auf einem Hügel thront über der Stadt eine riesige Buddha-Statue, einmal mehr vom zukünftigen Buddha Metreya. Das Dorf ist im Gegensatz zum letzten Kaff eine Offenbarung. Viel Grün, sprudelnde Bäche, nette Leute, „Julee“ hier und „Julee“ da. „Julee“ ist der wichtigste Ausdruck überhaupt, er bedeutet, Grüezi, Adieu, Danke, alles zusammen. Auf einem Feld arbeitet ein älterer Mann, er winkt mir zu (let’s talk a bit). Der erste Satz: I’m the luckiest person in the World. Und dann erzählt er mir von seiner Reise nach Europa, von seinen Freunden in Frankreich und Holland, er hört nicht mehr auf, und schliesslich finde ich mich als kurzfristig angeheuerte Hilfskraft beim Zusammenfalten riesiger Plastiktücher wieder, auf denen die geernteten Gerstenähren ausgebreitet und getrocknet werden.

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In der Zwischenzeit sind neue Gäste eingetroffen, Mike und Matt aus New York, Andreas und Thomas aus dem Ruhrgebiet. Ausserdem sitzt ganz still und in sich gekehrt eine ältere Dame auf ihrem Stuhl, stellt sich irgendwann als Anna aus England vor und hat (später) eine Menge unglaublicher Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen. Es wird ein langer lustiger Abend mit neuen Freunden (nur die Frage an die beiden Amis nach dem nächsten November (Trump/Clinton) führt zu sekundenlangem eisigem Schweigen). Wen wundert’s …

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